Kontroversenbeitrag zur Strukturdiskussion mit Fotios Amanatides

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Fotios Amanatides, Pirat und Politikwissenschaftler, hat einen Blogbeitrag, man kann fast schon sagen eine Streitschrift, zum Thema Taktik und Strategie verfasst. Damit möchte er die Diskussion über diese Bereichen innerhalb der Partei anregen und vorranbringen. Das Krähennest hat sich mit ihm getroffen um ein wenig darüber zu reden.

Der Blogpost ist hier zu finden: http://stille-piraten.de/2014/09/28/strategie-und-taktik/

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5 Responses to Kontroversenbeitrag zur Strukturdiskussion mit Fotios Amanatides

  1. Sasa aka @fidelisamica says:

    Hallo Foti,

    erst mal möchte ich mich, ganz unabhängig von dem Inhalt des Gesagtem, dafür bedanken , dass einige diskussionswürdige Punkte angesprochen wurden. Es gibt einige Punkte in denen ich dir zustimme, wie z.B. beim Thema Verantwortung der Partei gegenüber oder der notwendigen Professionalisierung. Aber es gibt eben auch vieles bei dem ich dir widerspreche, bzw. weitere Fragen habe.
    Auf alle Punkte aus dem Interview die ich anders sehe einzugehen, würde an dieser Stelle aber zu weit führen. Da mir aber insbesondere das Thema Liquid Democracy und ePartizipation am Herzen liegt, möchte ich auf euren kleinen Exkurs zum Thema Online-Abstimmungen eingehen.

    Zunächst habt ihr über die Problematik gesprochen, in wie weit unsere Parteitage überhaupt demokratisch sind. Du bist dabei zu der Erkenntnis gekommen, dass sie es in der derzeitigen Form nicht wirklich sind. Dem und auch deiner Argumentation, kann ich voll zustimmen! Doch als du dann gefragt wurdest, ob denn nicht Online-Abstimmungsmöglichkeiten die Möglichkeit seien, dass jede* teilnehmen kann, kamen Argumente denen ich Gegenargumente entgegenstellen möchte.

    Du hast auf diese Frage, die Gegenfrage gestellt, ob wir wirklich im Jahr nach Snowden die politische Forderung stellen wollen, dass Menschen ihre politische Meinung öffentlich ins Internet stellen. Und bringst dann das Beispiel ob man tatsächlich will, dass die Forderung nach der Legalisierung von Cannabis (oder anderen illegalen Handlungen) einer Person im Netz öffentlich zugeordnet werden kann. Dann sagst du noch, wir können doch nicht auf der einen Seite vor dem Überwachungsstaat warnen und auf der anderen Seite sagen, hier du stimmst jetzt öffentlich über strafrechtlich relevante Dinge ab.

    Wenn man deine Argumentation im Interview zu Ende denkt kommt man zu dem Ergebnis, dass das Internet abgeschafft gehört! Doch das will doch hoffentlich niemand!

    Sämtliche Kommunikation im Internet (auch teils verschlüsselte) kann und wird bereits in vielen Fällen überwacht und ausgespäht (wir alle wissen, dass nur noch nicht alles überwacht werden kann, weil es die technischen Kapazitäten noch nicht zu lassen). Doch wir kämpfen doch gerade im Rahmen der informationellen Selbstbestimmung im Internet darum, diesen Raum nutzen zu können ohne Angst vor Repressionen haben zu müssen, so lange eben keine ausgeführten strafrechtlichen Handlungen mit dem Nutzen in Verbindung stehen. Wir wollen Machtstrukturen aufbrechen und somit die Möglichkeiten des Missbrauchs von Macht eindämmen. Und wir wollen doch eben nicht mehr, dass Menschen auf Grund ihrer politischen Äußerungen irgendwo auf der Welt Angst haben müssen, sondern frei ihre Meinung äußern können und das natürlich auch im Internet (im rechtlichen Rahmen). Wir sind es, die vor der Schere im Kopf warnen, die ein Überwachungsstaat zur Folge hat! Wir wollen, dass die Chancen des digitalen Zeitalters erkannt werden und Missbrauch verhindern. Wir rufen auf gegen die Massenüberwachungen auf die Straße zu gehen und sich dagegen zu wehren!

    Ja, ich sehe durchaus die Diskrepanz die du in dem Fall ansprichst. Natürlich haben wir noch nicht auf alle Fragen eine Antwort und haben auch noch nicht die ultimative Lösung, aber deshalb möchte ich nicht Ängste vor neuen Technologien weiter schüren und rückwärtsgewandt sein, sondern weiter gemeinsam nach Lösungen suchen.

    Doch in diesem Interview spielst du genau mit dieser Angst.
    Ich persönlich möchte nicht, dass Menschen immer mehr angst haben sich öffentlich politisch zu äußern und ich möchte auch nicht alle Menschen dazu zwingen dies tun zu müssen. Ich möchte jedem die Möglichkeit geben, sich unabhängig von irgendwelchen Umständen die es demjenigen derzeit nicht ermöglichen, zu partizipieren und dafür die Möglichkeiten des Internets nutzen. Sei es durch ein verbessertes Bildungswesen, Transparenz und Nachvollziehbarkeit in der Politik oder den immer laufenden Kampf um die Bewahrung der Bürger- und Menschenrechte.

    Ach und mal ganz davon ab. Wie kommen wir denn zu den Anträgen auf Parteitagen? Wo finden denn viele unserer Arbeitstreffen statt? Was nutzen wir alles? Wiki, Pads, Mumble, Mailinglisten, usw. Und wie war das gerade nochmal mit der Ausspähung des Internets? Genau, auch das was wir bereits derzeit nutzen um uns innerparteilich zu positionieren und zu beteiligen ist öffentlich und wird mitgelesen.

    Das Argument der Überwachungsskandale um gegen ePartizipation zu sein hinkt daher für mich gewaltig.

    Ein weiterer Aspekt der nach deiner Argumentation zum tragen kommt ist, welche Aufgabe haben denn Parteien u. a. in den Parlamenten? Sie erlassen, streichen oder ändern Gesetze. Da ist es doch für eine Partei völlig natürlich, dass sie auch Meinungen gegen die aktuelle Gesetzeslage öffentlich vertritt. Und wer besteht aus dieser Partei und transportiert diese Forderungen? Genau, Menschen die sich auf Veranstaltungen, im Internet oder auf sonstigen Medien öffentlich äußern.

    Und da sind wir auch schon bei einem nächsten Punkt. Transparenz. Wir fordern gläserner Staat, statt gläserner Bürger. Sollen nach deiner Argumentation also nur diese Regeln für Amts- und Mandatsträger gelten? Sollen nur diese ihre Meinung und ihr Abstimmverhalten öffentlich machen müssen? Ich glaube wir alle wissen doch, dass die Menschen, die das politische Geschehen wirklich bestimmen häufig nicht diejenigen sind, die am Ende im Parlament abstimmen. Genau deswegen fordern wir ja auch z.B. ein Lobbyregister.
    Und aus meiner Sicht bedeutet das eben auch, dass Menschen die Politik aktiv mitbestimmen wollen, in eine Partei eingetreten sind und in den Parlamenten direkt Politik gestalten wollen, kein Problem damit haben sollten ihr Abstimmverhalten und ihre Positionen öffentlich zu machen, ganz im Gegenteil; Ich erwarte das sogar, um mir ein umfassendes Bild machen und letztlich Entscheidungen wirklich nachvollziehen zu können. Das ist letztlich auch ein Teil der Verantwortung die jede* der/die aktiv Politik macht trägt und sich dessen bewusst sein sollte.

    Doch gleichzeitig, sollte niemand Angst vor Repressionen oder Benachteiligungen (sei es nun durch einen Staat oder einer Gruppe) haben müssen. Und wenn dem eben doch so ist (wie wir ja leider wissen) gilt es die Ursachen hierfür auf politischem Wege weiter hartnäckig zu bekämpfen, doch dabei das eigentliche Vorhaben nicht aus dem Blick zu verlieren.

    Mir ist bewusst, dass es zu diesen Punkten durchaus unterschiedliche Meinungen in der Partei gibt, die dringend gemeinsam diskutiert werden müssen.

    Dann brachtest du noch das Argument, dass in den derzeitigen Strukturen der Partei die Leute, die in diesen Online-Systemen besonders aktiv sind und ihre (ob selbst oder im Auftrag) politische Meinung vertreten, in 2-3 Jahren Ausschnitte von Anträgen, die aus dem Kontext gerissen werden, um die Ohren gehauen bekommen. Und das hieße dann automatisch, dass diese Menschen unwählbar sind.
    Das ist schon geschehen und ist tatsächlich ein Problem! Doch ist das ein Problem von Liquid Feedback oder einem anderen Tool oder ist das nicht eher das Problem der NutzerInnen dieser Tools? Und sollten wir uns hierbei nicht eher die Frage stellen wie es dazu kommen konnte, dass eine belegbar tatsachenverdrehende Aussage so auf fruchtbaren Boden stoßen konnte?
    Zählt für mich somit auch nicht als Argument gegen z.B. Liquid Feedback, da es eben nicht bestätigt, dass die Idee dahinter und die Funktionalität, sondern eher die Gegebenheiten und derzeitigen Voraussetzungen das Problem sind, die es dann zu lösen gilt.

    Ich glaube wir müssen in dieser Diskussion auch ganz klar differenzieren, ob wir über Online-Abstimmungsmöglichkeiten ausschließlich innerhalb der Partei, über Möglichkeiten im Rahmen des derzeitigen politischen Systems für alle Menschen in diesem Land reden oder aber ob wir über Veränderungen im derzeitigen Parteiensystem der repräsentativen Demokratie sprechen. (Tool-Diskussionen dabei mal ganz außen vor gelassen)
    Das sind einfach komplett unterschiedliche Voraussetzungen und Bedingungen die es zu beachten gilt. Das verschwimmt in dem Interview in deinen Antworten sehr ineinander und du nutzt Argumente, die für den einen Fall durchaus diskussionswürdig, in dem anderen Fall aber auch eher Unsinn sind.

    Ich könnte jetzt so auch noch mit einigen anderen Aussagen in dem Interview weitermachen, aber es ist auch so schon ein riesen Kommentar geworden. Ich würde diese Diskussionen eigentlich auch viel lieber mal persönlich führen und würde mir wünschen, dass in dieser Partei genau für solche dringend notwendigen Diskussionen „Raum“ geschaffen wird. Das sind nämlich u.a. die eigentlichen Debatten um die Ausrichtung der Partei.

    Nochmal danke für den Beitrag und vielleicht ist das ja endlich mal der Stein, der die dringend notwendigen Diskussionen innerparteilich ins Rollen bringt. Ich glaube, nur wenn wir wirklich mal über die inhaltlichen Differenzen sprechen und somit auch die letzten Monate konstruktiv aufarbeiten, haben wir überhaupt noch eine Chance!

    Viele Grüße

    Sasa

    • Bernd says:

      Es ist tatsächlich ein Riesenproblem, dass mit dem System LQFB, vor allem der neuen Version, die für eine SMV eingesetzt werden soll, problemlos von jedem User über jeden anderen aktiven User ein umfassendes Gesinnungsprofil erstellt werden kann.
      Missbrauch mit diesen Daten liegt nicht nur auf der Hand, er wird geschehen.

      Weil das so ist, werden viele, auch ich, obwohl Parteimitglied, sich bei diesem Tool maximal zurückhalten.
      Übrig werden 2 Gruppen bleiben:
      * die, denen das egal ist – sie werden ihre Erfahrungen machen
      * die, die mitmachen, sich aber konformistisch verhalten, also ihr Fähnchen sehr vorsichtig in den aktuell wehenden Wind hängen oder delegieren

      Liebe Sasa es nützt nichts, zu wünschen wie etwas sein soll. Z.B. ist es für den Augenblick uninterressant, wie wir das Internet gerne hätten (Datenschutz, Überwachungsfreiheit, frei von Manipulation und Kriminalität). Man muss zur Kenntnis nehmen und damit umgehen, wie es real ist. Wenn ich auf der Autobahn unterwegs bin, kann ich auch nicht frei machen was ich will, sondern muss die Wirklichkeit also Staus, Unfälle, Kontrollen, Überwachungstechnik usw., mit berücksichtigen. Gleiches gilt für die Datenautobahn.

      Im übrigen hat innerparteiliche und innerfraktionelle Willensbildung in geschützem Rahmen abzulaufen, sonst funktioniert sie nicht, bzw. wird de facto in immer kleinere Zirkel und Hinterzimmer verlagert.
      Im Scheinwerferlicht de Öffentlichkeit gedeihen keine guten Ideen, sondern dort gedeiht der Mob, die Unterwerfung des Fußvolkes unter die Richtung, die Vortänzer vorgeben, oder die, die Manipulateure vorzeichnen. Es ist, im Licht der Öffentlichkeit, fast unmöglich, oder erfordert seht viel Mut und Selbstbewußtsein, gegen den Strom zu schwimmen. Konformitätsdruck ist daher das vorherrschende Prinzip.
      Meinungsbildung und vor allem Abstimmung darüber muss daher abschließend in freier, gleicher und geheimer Wahl erfolgen, um unbeeinflusst von äußeren Zwängen zu erfolgen.
      Und nicht in elektronischen Systemen, die den Wählenden mit seinen Entscheidungen dauerhaft sichtbar verknüpfen, und ihn so manipulierbar oder sogar erpressbar machen.

  2. CptLeto says:

    Ich kann jetzt nicht mit kontroversem Widerspruch dienen, aber eine Frage:

    Wie würdest du mit dem Konflikt zwischen „klare Verhältnisse in der Fraktion schaffen“ und der Hamburgwahl umgehen? Wenn es jetzt tatsächlich zum GAU kommt, einige austreten und vll noch vor Kameras ihr Leid klagen oder schmutzige Wäsche waschen, behält das seinen Nachrichtenwert doch sicher bis Februar. Lässt sich das vermeiden oder sollte man die Wahl vor einem finalen Klärungsversuch noch abwarten? [Was wir allerdings im Grunde auch schon zur EU-/Kommunalwahl und den LT-Wahlen der letzten Monate getan haben.]

    Beste Grüße
    CptLeto

  3. Bernd says:

    Zum Hauptthema des Beitrags von Foti ist festzustellen, dass er mit der Thematik Professionalisierung definitiv richtig liegt.

    Das Aktionsbündnis Piratenpartei hat es seit dem Hype 2011/12 nicht hinbekommen, von Aktionsbündnis zur Partei zu mutieren.
    Während des Hypes waren Piraten auf allen Kanälen, und hatten die Chance sich bekannt zu machen.
    Hierbei wurde viel versprochen, wie zum Beispiel Wir wollen neue Formen der Demokratie ausprobieren, Wir wollen die digitale Revolution politisch begleiten, kaum ein Anspruch war zu hoch, um ihn nicht zu formulieren.

    Dadurch wurden hohe Erwartungen gesetzt, die die Partei nicht erfüllen konnte.

    Sieht man sich beispielsweise die Parteizentrale der Linken (ca. 70.000 Mitglieder) und der Piraten (ca. 25.000 Mitglieder) im Vergleich an, ist der Unterschied überdeutlich:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Liebknecht-Haus
    http://wikimapia.org/13581391/de/Wohn-und-B%C3%BCrohaus-Pflugstra%C3%9Fe-9-9a
    (der kleine Laden unten rechts)

    Kann aus diesem bunten Aktivistenverein, der sich Piratenpartei nennt, eine ernsthafte Partei werden , die unter Nicht-Hypebedingungen mit 5% in den Bundestag einzieht?

    Das ist schwer, aber nicht unmöglich. Da die BT-Wahl aber schon im Jahr 2017 ist, müsste man genau jetzt damit anfangen.

    Meiner Einschätzung nach wird es aber frühesten 2021 etwas mit der Bundestagswahl, zu zerrissen ist die Partei, und zu demotiviert sind die Mitglieder.

    2015 werden die beiden Wahlen HH und HB krachend verloren gehen, je unter 2%, da die Neue Liberale genau in dem Wählerreservoir fischen gehen wird, in dem die aktuelle Spitze der Piratenpartei nun ihr Glück sucht, also im sozialliberalen Klientel.

    Linke Ideen der Commons und des Sharinggedankens, mit dem die Partei 2011 in Berlin punktete, was in der Folge den bundesweiten Hype triggerte, werden momentan durch den Bundesvorstand nicht befördert. Man ist in der Partei weiterhin mit Grabenkriegen beschäftigt und gegenseitigen Gedisse. Die Zahl der Aktiven sinkt kontinuierlich ab.

    Wenn die Talsohle erreicht ist, wird es darauf ankommen, ob es überhaupt möglich ist, neue Aktive, die guten Willens sind, für die Piraten zu gewinnen, oder ob außer der Marke, die verbrannt ist, nur noch rauchende Trümmer übrig sind.

  4. Happynator says:

    Hallo zusammen,

    erst einmal vielen Dank an Foti und Bernd.
    Zum Inhalt:
    Leider war recht wenig über das Thema „Politische Strategie“ zu hören, was ich jedoch mal nachreichen werde.
    Andererseits wurde das alte Fass zu Strukturen wieder aufgemacht. Ich kann vielem zustimmen, jedoch in wesentlichen Punkten bin ich anderer Meinung.
    Im folgenden möchte nur das Thema „Delegation“ andiskutieren.

    Allgemein sind die Klagen groß, dass es bei Piraten keine oder zu wenig Strukturen gäbe. Ich werde hierbei nicht selten das Gefühl nicht los, dass dabei nur verschwommene Vorstellungen existieren, wie
    1. eine solche Struktur denn aussehen könnte
    und
    2. dass „Struktur“, wie es oftmals den Eindruck bei mir erweckt, mit „Hierarchie“ gleichgesetzt wird.

    Die Piraten sind einst u.a. dafür angetreten, Bürgern niederschwellige Partizipationsmöglichkeiten zur politischen Willensbildung, aber auch zu politischen Entscheidungen im Rahmen demokratischer Prozesse auch unter Verwendung von Online-Medien zu ermöglichen. „Niederschwellig“ impliziert dabei nicht automatisch Basisdemokratie, dennoch hat sich der Gedanke zu basisdemokratischen Systemen bei Piraten deutlich herausgebildet, auch wenn dies nicht so im Grundsatzprogramm stehen mag.

    Prinzipiell bedeutet dies, dass man solche Möglichkeiten entdeckt, ausprobiert, evaluiert, ggf. für weitere Versuchsphasen implementiert, um z.B zu prüfen, ob solche Möglichkeiten auch skalieren. Neuland^^ also.

    Zwangsläufig wird die Partei dadurch zu einem Versuchslabor.
    Leider sind de facto gewisse Dinge ideologisiert worden und leider leider kam es nie zu einer Evaluation solcher Mitbestimmungsmöglichkeiten.
    Nachdem nun ein Scherbenhaufen nach dem anderen produziert worden ist, möchte man zurück und in alten ausgetretenen Pfaden latschen. Motto: „Zurück in die Zukunft mit Delegationssystemen.“ Nicht wirkllich, oder?

    Ohne Zweifel haben Delegationssysteme ihre Vorteile:
    + sie sind preiswerter
    + Entscheidungen können möglicherweise(!) gerechter ausfallen, da das Zufallssystem „Parteitagsteilnehmer“ minimiert wird usw.

    Andererseits sind Delegiertensysteme steuerbarer und manipulierbarer. Für eine „Klüngel- “ *chrrchrr* und Netzwerkpartei sind Delegiertensysteme optimal, um bereits im Vorfeld von Entscheidungen Strippen zu ziehen und Entscheidungen zu beeinflussen.
    Ob Delegierte dann auch wirklich informierter als Ottonormalparteitagsbesucher sind, sei einmal dahingestellt.

    Ja, das hat mich wirklich geärgert, dass pauschal die Teilnehmer von bisherigen Parteitagen als uninformiert und als Katastrophen-/Eventtouristen abgestempelt werden.
    Meinem persönlichen Eindruck sind die Abstimmungen insofern keine Zufallsergebnisse, da z.T im Vorfeld der Parteitage bereits auf unteren Ebenen sanfter Druck auf Mitglieder ausgeübt wird, wie sie abzustimmen hätten – besonders dann effektiv, wenn Abstimmungen nicht geheim getätigt werden.

    Die Plätze auf Parteitagen werden nicht nach einem Zufallssystem verteilt, sondern jeder setzt sich, wo es ihm beliebt und zumeist da, wo $Pirat seine Leute findet.
    Ich habe es immer wieder erlebt, wie dann ein KV-Vorstand, Stammtisch- oder Crew-Sprecher die Welt erklärt und sagt, wie, was und wen man zu wählen habe.

    Einen nicht unwesentlichen Anteil an seltsamen Ergebnissen haben auch Wahlmodalitäten. Im Sinne eines möglichst gerechten demokratischen Systems bekommen dann nicht selten stromlinienförmige, durchschnittliche Kandidaten und selten nur auch solche, die ggf polarisieren, den Hut für den Vorstand oder andere Posten überreicht. Ganz ähnlich sieht es dann auch bei den Programmpunkten aus.

    Ein Parteitag ist in der Tat beinflussbar, sei es in Vorauswahl der Programmpunktpositionen, durch die Auswahl der Versammlungsleitung, durch Promipiraten, die schnell mal auf die Bühne springen, um mittels flammender Rede und einer Menge theatralischen Theaters ihr Ding durchzubringen, etc pp. Die Frage ist, ob sich Beinflussungsversuche bei Delegiertenversammlungen vermeiden ließe. Ich denke, eher nicht.

    Der Punkt ist der, dass es die Partei versäumt hat, politische Willensbildung zu betreiben und die fängt genau auf den unteren Ebenen, auf Stammtischen, auf Crew-, auf Orts- und KV-Ebene an. Dies bedeutet aber auch, dass genau dort das „Stammpersonal“ entsprechen politisch gebildet sein muss.

    Wenn man überhaupt von strukturellen Maßnahmen spricht, dann müsste man genau hier beginnen, z.B dass man Neumitglieder abholt, in Tools einweist (nicht jeder ist Hacker), die Netiquette einübt, die Geschichte und die Wurzeln der Piraten darlegt, das Programm erläutert, sie versucht, sogleich in Aufgaben einzubinden, u.a. damit die Arbeit verteilt wird, kurz die „Neuen“, ähm, einbindet und einnordet.
    Gerade das Einnorden, im Sinne eines Leitfadens, erscheint mir wichtig, damit ein neues Mitglied schnell merkt, ob es zur Partei passt oder nicht.

    Man kann viele Gründe finden, warum dies nicht passiert ist, Tatsache ist jedoch, dass diese Einweisungen en masse eben nicht durchgeführt worden sind.
    Selbst Hacker( das sind die mit dem „Denk selbst“ und RTFM) sind schon vor 30 Jahren dazu übergegangen, Multiplikatoren und Erklärbären einzubinden, um denjenigen zu helfen, die es nicht so mit „selber denken“ haben.

    Ich habe es auch nie wirklich verstanden, warum bei Piraten die Vorstände so klein möglich und nicht so groß wie möglich sind.
    Ich persönlich würde jedes Mitglied nach einem Jahr automatisch in den Vorstand zumindest der niedrigsten Ebenen aufnehmen, sofern es dies wünscht.
    Dadurch würde es nicht nur in die Aufgaben eingebunden werden, sondern würde auch formale Verantwortung erhalten.
    Selbst die SPD-Ortgruppen bestehen nicht selten nur aus Vorständen und nur selten unter einer Stärke von 20 Vorstandsmitgliedern.

    Der Frust über „schöne Haare“ und Karrieristen, die schnell mal die Bühne entern, wäre dadurch IMHO deutlich gemindert worden. YMMV

    Ich habe derzeit das ungute Gefühl, dass der starke Drang nach „Zucht und Ordnung“ besteht“, um das gefühlte Chaos zu entwirren, um klare Verantwortlichkeiten zu finden, um sich an den großen Führer anlehnen zu können, um die Welt schön, einfach und bequem machen zu machen, eben um ja nicht selber netzwerken und selber denken zu müssen oder aber, um selbst den großen Zampano spielen zu können, weil man aktiver und ggf. auch informierter ist.

    Mit anderen Worten: Die Partei ist gerade dabei, sich selbst abzuschaffen, indem sie Werte und Forderungen des Grundsatzprogramms, die letztlich aus langer Hackertradtion entsprungen sind, zugunsten im Grunde zutiefst hierarchischer und manipulierbarer Strukturen in den Orkus wirft.

    Fotis Argumentation, dass sich Bürger politisch nur für Ihren unmittelbaren Betroffenheitsbereich interessierten, mag einleuchtend sein, trifft in Wahheit(tm) jedoch nicht den Kern, eben weil wir in Deutschland zwar ein demokratisches System besitzen, jedoch nicht wirklich eine demokratische Gesellschaft.

    Dieses wurde von der politschen Klasse wirksam verhindert, indem sie sogenanntes Expertenwissen vor den Willen des Volkes gesetzt hat. Das Volk ist ja eh blöd, nicht wahr?

    Ersetzt „Volk“ durch „Basis“ und man bekommt letztlich ein politisches System in die Piraten, dass dem üblichen entspricht und eben nicht Eigenverantwortung stärkt und eben nicht politische Willensbildung wachsen lässt und eben nicht politische Aktivität erwachsen lässt. Das Mitglied wird sich wie der Bürger dann eben auch nur um seinen unmittelbaren Erlebnis- und Erfahrungsbereich kümmern. Ja, Politik ist das mit den dicken Brettern und Änderungen von Gewohnheiten und Einstellungen benötigen bisweilen ihre Zeit, die man wohl nicht in Monaten, Jahren oder Legislaturperioden, sondern eher in Jahrzehnten messen muss.

    Basisdemokratie gehört zu den schwierigsten und zeitaufwändigsten Dingen politischen Handelns.
    Es wäre zu wünschen, dass sich Piraten wieder dessen erinnern, aus welchen Gründen man trotz Kenntnis dieser Schwierigkeiten jedoch genau diese lästigen und arbeitsaufwändigen flachen Strukturen haben wollte. Aus besagten Gründen und noch vielen weiteren weiteren, die tief in der Hackerbewegung wurzeln, bin ich daher von Delegationssystemen wenig begeistert, da sie die eigentlichen Probleme nicht angehen, sondern ehern den Status Quo einer Herrschaftskaste zementieren.

    Gerne wieder
    Euer Happy

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