Blog der Piraten aus Essen

Die Krise unseres Finanz- und Geldsystems

Ziel dieses Beitrags ist es, Neugier auf ein Thema zu wecken, mit dem sich die meisten wahrscheinlich noch nicht beschäftigt haben: Auf welchen Säulen ruht unser Finanz- und Geldsystem? Die Materie ist komplex; auch weil Geld in unserem Wirtschaftssystem sowohl eine Funktion als Tauschmittel wie auch als Wertaufbewahrungsmittel hat (letzteres steht bei den folgenden Betrachtungen im Mittelpunkt). Es würde diesen Rahmen sprengen, Detailfragen in der Tiefe zu erläutern – z.B. anhand von Zahlenbeispielen. Wer an weiteren Informationen interssiert ist, findet am Ende des Blogs einige Quellenangaben, die mir geholfen haben, die dargestellten Zusammenhänge besser zu verstehen.

Zyklische Krise oder Systemkrise?

Nach der Finanzkrise 2008 stritten sich die meisten Wirtschaftsexperten, ob die Erholung der Wirtschaft in Form eines U, V oder W verlaufen würde, also ob die Konjunktur sich schnell, langsam oder mit einem zweiten Tief wieder erholen würde. All diesen Überlegungen war eins gemein: die Prämisse, dass es sich hierbei um eine zyklische Krise handelt, nach der es fraglos weiter aufwärts gehen würde –  wie bei zahlreichen anderen Krisen/Rezessionen in den Jahrzehnten vorher. Inzwischen wird jedoch immer klarer: das Platzen der Subprime-Blase in 2007/2008 war der Beginn einer Systemkrise – also einer Krise unseres Finanz- und Geldsystems. [1]

Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Nun, sie gibt uns einen Hinweis darauf, an welchen Stellen wir nach Lösungen suchen müssen. Oder um es mit Albert Einstein zu sagen: „Probleme kann man niemals mit der gleichen Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

Um zu erkennen, warum die Schuldenkrise, die wir derzeit erleben, der Endpunkt einer systemimmanenten Entwicklung ist, müssen wir zunächst unser Geldsystem verstehen.


Wie und durch wen entsteht unser Geld?

Der Prozess der Geldentstehung wird „Geldschöpfung“ genannt. Entgegen der landläufigen Meinung ist das Drucken von Banknoten und Münzen der weitaus geringste Teil der Geldschöpfung (inzwischen deutlich kleiner als 10 Prozent). Der Hauptakteur bei der Entstehung von Geld sind die Geschäftsbanken. Geld wird ausschließlich dadurch geschaffen, dass irgendjemand (Staat, Unternehmen, Bürger) einen Kredit bei einer Bank aufnimmt. Durch die Kreditvergabe entsteht das so genannte „Giralgeld“ – und zwar durch einen Buchungssatz in der Bankbilanz. Dafür muss weder „die Notenpresse angeworfen werden“ noch benötigt die Bank Spareinlagen o.ä., um dieses Giralgeld zu erzeugen. Unser Geld ist also eine Art „Schuldgeld“.

Je mehr sich Wirtschaftsteilnehmer verschulden, desto größer ist das Geldmengenwachstum. Dadurch wird auch deutlich, dass Wirtschaftswachstum vorrangig durch neue Schulden finanziert wird. Der Wirtschaftsboom Mitte des letzten Jahrzehnts bspw. resultierte zu weiten Teilen aus dem Konsum der amerikanischen Haushalte, die sich mit Hilfe der amerikanischen Politik des „billigen Geldes“ bis weit über die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit verschuldeten.

Noch einmal in aller Deutlichkeit: Geld entsteht, ohne gedruckt werden zu müssen. (Bank-)Kredite können vergeben werden, ohne dass dafür vorher ein entsprechendes Guthaben vorhanden sein muss. Sie müssen allenfalls refinanziert werden – entweder durch Geldanlagen oder durch Zentralbank-Kredite.


Steuern Zentralbanken das Geldmengenwachstum?

Das einzige Regulativ für das Geldmengenwachstum sind die Zentralbanken – im Euroraum die EZB. Ihr Auftrag ist die Geldwertstabilität und so versucht sie, die Inflation durch ihre Zinspolitik sowie durch ihre Kreditvergabe den Banken gegenüber zu steuern. Früher berichtete die Deutsche Bundesbank regelmäßig über die Entwicklung verschiedener Geldmengen (M1, M2 und M3). Heute beschränkt sich die EZB überwiegend auf die Kommentierung ihrer Entscheidungen zum Leitzins – meist mit Hinweis auf (erwartete) Inflationsraten. Warum?

Die Höhe der Kreditvergabe durch Banken – und damit die Geldmenge – wird im Wesentlichen von zwei Faktoren begrenzt: dem Eigenkapital der Banken und einem bei der Zentralbank zu hinterlegenden Mindestreservesatz. Letzterer ist jedoch inzwischen so gering (aktuell wurde er von 2% auf 1% gesenkt), dass er auf das Geldmengenwachstum nahezu keine Auswirkungen mehr hat. Demgegenüber hat die Eigenkapital-Knappheit der Banken durch Wertabschreibungen (erst bei Immobilien, jetzt bei Staatsanleihen) die Angst vor einer „Kreditklemme“ wieder verstärkt. Die Reaktion: günstige Zentralbankkredite in unbegrenzter Höhe, (Ramsch-)Anleihen von kränkelnden Staaten werden von der EZB aufgekauft oder als Sicherheit für Zentralbank-Kredite an Banken akzeptiert – alles Maßnahmen, die das Geldmengenwachstum beschleunigen.

In den letzten 20 Jahren hat sich das Geldmengenwachstum in ständig steigendem Maße vom Wachstum der jeweiligen Bruttoinlandsprodukte (BIP) entfernt – und das in nahezu allen großen Wirtschaftsnationen. Die Differenz zwischen Geldmengenwachstum und BIP-Wachstum wird oft auch als „wahre Inflation“ bezeichnet und liegt heutzutage weit über den öffentlich berichteten Raten.


Wie beeinflusst Geldmengenwachstum die Inflation?

Ein wesentlicher Grund, dass die gestiegene Geldmenge nicht die Verbraucherpreise ähnlich stark steigen lässt, liegt in den ungleichen Einkommens- und Vermögensverhältnissen. Die Geldmengenzuwächse landen nicht mehr in den Händen der breiten Masse der Einkommensbezieher (um dort zur Nachfrage nach Konsumgütern zu führen), sondern auf den Depots der Vermögensinhaber. Die Flutung der Finanzmärkte mit neuem Geld führt also nicht zu steigendem Verbrauch, sondern zu immer umfassenderen (und komplexeren) Vermögensanlagen.

Das Resultat sind immense vagabundierende Kapitalmengen, die auf der Suche nach immer neuen Renditezielen sind, und so immer schneller auf bestimmten Teilmärkten für die so genannten „Blasen“ sorgen. Diese „Vermögenspreis-Inflation“ wird z.B. in Form sprunghaft steigender Aktien- oder Rohstoffpreise sichtbar. Die Folge: Die Teuerung der Grundnahrungsmittel wird inzwischen weniger durch Zunahme der Nachfrage, als vielmehr durch die Spekulationen von Kapitalanlegern verursacht. Allerdings mit dem gleichen Ergebnis: Hunger und Tod!


Effekte des Zinses in unserem Geldsystem

Bei der Kreditvergabe werden Aktiv- und Passivseite einer Bankbilanz erhöht. Auf diese Weise wird neues Geld geschaffen – jedoch nur in Höhe der Kreditsumme. Das für die Zinszahlungen benötigte Geld wird nicht mit geschöpft. Es muss also entweder aus der bisherigen Geldmenge oder durch zusätzliche Schulden generiert werden. Werden die Schulden nicht getilgt – wie seit Jahrzehnten bei der Staatsverschuldung – entsteht ein Zinseszinseffekt. Dieser führt zu einer stetig steigenden Vervielfachung des Ursprungsbetrags (man nennt dies „exponentielles Wachstum“). Das gleiche Phänomen gibt es auf der Vermögensseite, wenn Zinseinnahmen wieder angelegt werden.

Manche Geldsystemkritiker halten den Zinseszinseffekt für eine Ursache der Schuldenkrise, da sich hierdurch Schulden wie Vermögen im Zeitverlauf exponentiell vermehren und irgendwann geradezu explodieren. Diese Ansicht ist nicht unumstritten. Sicher ist jedoch der Umverteilungseffekt: In allen Preisen sind die Kreditzinsen von Unternehmern und Immobilienbesitzern kalkulatorisch enthalten und werden letztlich vom Verbraucher bezahlt. Sie fließen denjenigen zu, die „ihr Geld für sich arbeiten lassen“. Je höher die Schulden- und Vermögensberge werden, desto größer ist der Umverteilungseffekt durch den Zins.


Die Politik  und die Schuldenspirale

Die neoliberalistische Finanz- und Wirtschaftspolitik der westlichen Industrienationen hat in den letzten 20 Jahren den Umverteilungsprozesses u.a. durch Deregulierung der Finanzmärkte und Steuerentlastungen beschleunigt. Dieser Effekt ist dort am Stärksten, wo die staatlichen Strukturen es den Vermögenseliten erlauben, sich ihrem Beitrag zum Erhalt des Gesellschaftssystems zu entziehen – sei es durch Steuerbetrug/Korruption wie in Griechenland und Italien oder durch niedrige Steuersätze mit zahlreichen Vergünstigungen für Kapitalvermögen wie in den USA. Wo die Schere zwischen Arm und Reich durch Steuerpolitik und Lobbyismus besonders stark auseinanderklafft, wird der Staat am schnellsten zum Schuldenmonopolisten.

Diese Überlegungen machen deutlich, warum der ständig wachsenden Zahl der (Multi-)Milliardäre auch ein immer größer werdender Schuldenberg gegenübersteht. Die Staaten sind das letzte Glied in der Kette, da diese die Schulden der Banken übernehmen, wenn die breite Masse der ärmer werdenden Bevölkerung (oder erfolglose Spekulanten) ihre Schulden nicht mehr bedienen können. Die Subprime-Krise mit der daraus resultierenden Überschuldung zunächst der Kreditnehmer, dann der Banken und schließlich der Staaten war der vorläufige Höhepunkt dieser Schuldenspirale. Ohne ein Prophet zu sein, lässt sich voraussagen, dass es nicht der letzte war, „um das System zu retten“.


Quellen  zur Vertiefung der einzelnen Themen:

[1] Michael Mross über Schuldgeldsystem und Systemkrise (ca. 10 Minuten)

[2a] Lehrfilm zur Geldschöpfung durch Banken (Giralgeld); ca. 10 Minuten:

[2b] Bundesbank zur Giralgeld-Schöpfung (Sekundär-Quelle)

[3] Dirk Müller über die Logik unseres Finanzsystems und den Zinseszinseffekt („Josephs-Pfennig“); ca. 7 Minunten:

Gesamtzusammenhang in Kurzfassung (Quelle: außerparlamentarische Initiative)

„Heute“-Beitrag zur (Nicht-)Deckung des jetzigen Geldsystem (ca. 4 Minuten)

Ich weiß, dass Micheal Mross (Quelle [1]) nicht unumstritten ist. Er greift jedoch bzgl. der von mir dargestellten Zusammenhänge nach meiner Einschätzung recht anschaulich das auf, was von Seiten der Wissenschaft ein wenig trockener klingt. Wer sich gerne auch mit etwas theoretischeren Ausführungen von Menschen aus dem Universitäts-Bereich auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich bei Google oder Youtube nach z.B. Bernd Senf, Franz Hörmann oder Joseph Huber zu suchen. Umfangreiches Informationsmaterial findet sich auch unter www.monetative.de.

Um schließlich nicht nur einseitig Quellen zu zitieren, verlinke ich an dieser Stelle auch eine abweichende Sichtweise zur Zinsthematik. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass hierin m.E. den Zinskritikern zu Unrecht unterstellt wird, sie würden den Zins einfach nur abschaffen wollen und dessen steuernde Funktion negieren. Eine konstruktive Auseinandersetzung mit alternativen Modellen wie dem „negativen Zins“ fehlt leider in dem Beitrag. Ich werde in Kürze in einem weiteren Blog auf die in der Diskussion befindlichen Alternativen näher eingehen.


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